Dein Blutdruck ist „dem Alter entsprechend“ unauffällig? Über den natürlichen Alterungsprozess deines Körpers und warum Alter keine Krankheit ist.
Es wird so in etwa 20 Jahre her sein, als ein Orthopäde zum ersten Mal in meinem Leben seiner Diagnose „dem Alter entsprechend“ hinzufügte. Argh!!! Dem Alter entsprechend? Echt jetzt? Aber mir tut doch nur das Knie weh, was hat das denn mit meinem Alter zu tun!
Jedenfalls, ein solches Ereignis ist in etwa so sympathisch wie das, wo dir zum ersten Mal im Bus von einem Schüler ein Sitzplatz angeboten wird. Und dir somit beinhart vor den Latz geknallt wird, dass du nicht mehr so jung aussiehst wie du glaubst. Also zumindest ich hab beim ersten Mal höchst inadäquat reagiert, ich hab den höflichen Rotzlöffel gefährlich angefunkelt und ihn mit „Nein, danke“ angeknurrt. Der Ärmste, hoffentlich hat er nichts daraus gelernt, sonst bin ich schuld daran, dass die Wohlerzogenheit der nächsten Generation den Bach runtergeht.

Gesundheit ist immer aufs Alter bezogen
Doch das mit „dem Alterungsprozess entsprechend gesund“ hat schon seine Richtigkeit. Gelenke nutzen sich nun einmal ab mit den Jahren wie ein Radiergummi bei regelmäßigem Gebrauch. Wenn mein Arzt mein Knie als „dem Alter entsprechend“ bewertet, dann beizieht er sich darauf, was typisch und normal ist für mein Alter. Wenn du also in einem deiner nächsten Befunde „altersentsprechend unauffällig“ liest: Gräme dich nicht, freu dich. Das ist nämlich eine gute Nachricht.
Alles ist mit dem Älterwerden verbunden. Ein Kind, das gerade wegen eines Wachstumsschubs Schmerzen in den Knochen verspürt, fühlt sich bestimmt nicht wohl und ist trotzdem nicht krank. Niemand würde auf die Idee kommen, diesem Kind ein trauriges „tja, du wirst halt auch schon alt“ entgegenzurufen, oder? „Dem Alter entsprechend“ ist die Beschwerde des Kindes aber trotzdem!
Der Körper verändert sich permanent
Alles Lebendige entsteht – und vergeht wieder, das ist bei Ameisen genauso wie bei Mammutbäumen, bei der nur wenige Stunden lebenden Eintagsfliege ebenso wie der 10.000 Jahre alt werdende Riesenschwamm mit dem hübschen Namen „Anoxycalyx joubini“. Zu altern heißt, dass sämtliche Körpersysteme sich abnützen und langsamer werden. Unser Körper kann bestimmte Schäden reparieren – eine Schnittwunde oder auch das Bekämpfen eines Infekts. Doch je älter unsere Zellen werden, desto weniger gut funktionieren Reparaturen und Zellerneuerungen.
So altern Körper und Organe
Ein Denkexperiment: Schieben wir doch einmal alles beiseite, was wir durch schlechten Lebensstil selbst dazu beitragen, dass Körper und Geist nicht so funktionieren, wie sie sollen. Wir bewegen uns also viel, sitzen wenig, essen gesund und nicht zu viel, trinken keinen Alkohol, sind in einem guten sozialen Gefüge eingebunden und haben keinen chronischen Stress. Doch was verändert sich im Körper? Was ist dem Alterungsprozess entsprechend gesund?
- Muskeln und Knochen haben ihre Hoch-Zeit in unseren 20ern. Danach nehmen Muskelfasern und Muskelmasse ab. Die Knochen werden poröser (bei Frauen kann die Menopause diesen Knochenabbau noch zusätzlich verstärken).
- Knorpeln und Sehnen verlieren an Elastizität und werden abgenützt, weshalb die Gelenke an Beweglichkeit einbüßen.
- Die Haut verliert an Spannkraft, wird faltig und fleckig.
- Sämtliche inneren Organe verlieren an Elastizität. Die Lunge schafft daher mit der Zeit weniger Sauerstoff in die Zellen. Der Herzmuskel verliert wie auch andere Muskeln an Masse und kann nicht mehr so viel leisten. Die Verdauung wird träger.
- Das Immunsystem hat seinen Höhepunkt schon vor unserem 20. Lebensjahr, mit zunehmendem Alter verzögert sich dann die Wundheilung und die Regeneration bei Krankheit dauert immer länger.
- Dein Arbeitsgedächtnis schafft weniger und deine Konzentration sinkt. Auswendig lernen wird immer schwieriger. Dafür steigen bis etwa 65 die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, die Kreativität und die soziale Kompetenz.
- In den Augen lagern sich von Geburt an Substanzen ab, die sich irgendwann mit einer Trübung bemerkbar machen. Auch die Linse wird unelastischer – der Grund für die so genannte Altersweitsichtigkeit. Auch der Gehör, Geruchs- und Geschmacksinn nehmen ab.
- Die Fruchtbarkeit hat Anfang 20 ihren Höhepunkt und nimmt ab 35 deutlich ab. Die sexuelle Erregung dauert mit den Jahren immer länger und der Orgasmus fällt weniger intensiv aus.
So viel dazu, was „dem Alter entsprechend gesund“ ist. In unserem Denkexperiment stirbt man daher – grob gesagt – entweder an Altersschwäche oder an den so genannten fast killers, wie der US-amerikanische Arzt und Langlebigkeitsforscher Dr. Peter Attia Todesursachen wie Unfälle oder tödliche Infekte nennt. Im Gegensatz dazu spricht er von slow killers, von denen er an oberster Stelle die Zivilisationskrankheiten anführt: Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Übergewicht, aber auch Kurzsichtigkeit und Depressionen. Krankheiten eben, die den Bedingungen unserer Zivilisation geschuldet sind. Ein Leben lang zu viel sitzen, zu viel und das Falsche essen, zu viel vorm Fernseher hocken – zu wenig „artgerechte Haltung“ mit einem Wort!

Älter zu werden ist keine Krankheit, sondern ein natürlicher Prozess, der sich zwischen Zeugung und Tod spannt. Auch wenn es Menschen gibt, die davon sprechen, dass das „Altern bald heilbar“ sein wird – wie dieses Plakat so reißerisch behauptet (in Berlin entdeckt). In der Langlebigkeitsforschung wird bereits daran gearbeitet. Bis dahin bist du bestens beraten, deinen Alterungsprozess nicht mit schlechtem Lebensstil zu beschleunigen. Hilfreiche Tipps zur gesunden Langlebigkeit hat übrigens meine Co-Autorin Birgit Barilits in einem Blogartikel zusammengefasst.