
Ja sapperlott! Wie kann es denn sowas geben? Eine Anleitung fürs Leben? Ist das dreist oder naiv – oder vielleicht doch weise? Wie kann es eine für alle gültige Gebrauchsanweisung fürs Leben geben, wo doch jedes Leben so einzigartig ist!
Bisschen überraschende Weisheit gefällig?
Das jedenfalls dachte ich, als ich auf der Suche nach Lektüre für den nächsten Urlaub auf dieses Buch stieß. Doch schon auf den ersten Seiten hat der Autor mich eingefangen:
„Ein Schreiber soll nicht einlullen, niemanden in Traumwelten jagen. Er soll das Gegenteil unternehmen: Die Leser in die andere Richtung treiben, zurück ins Leben, er soll ihnen den Rückweg ins Träumen versperren, soll sie beuteln und rütteln, sie verstören, sie lauthals daran erinnern, dass sie nur dieses eine verdammte Mal – die paar Jahrzehnte lang – lebendig sind, ja, dass ihr Leben das Unglaublichste ist, was ihnen je begegnen wird. Ach, dass jeder Tag um Mitternacht entschwindet. Unschätzbar, unwiederholbar, undwiederfindbar.“
Mit dieser Passage gleich auf Seite 11 hat er mich erwischt. Zum einen erfahren wir seinen Anspruch an seine eigene Arbeit. Den er übrigens in diesem Buch absolut erfüllt. Zum anderen mein Blick als Sprachenfrau: Ein Satz mit 59 Wörtern! Ein Bandwurmsatz, der aber trotzdem so schön ist und so verständlich. Da kann einer schreiben. Gut, er ist leidenschaftlicher Reporter, der die Welt bereist und wohl von jedem Winkel berichtet hat, da sollte er das können. Dennoch: So eine intensive Sprache, jedes Wort sorgfältig gewählt, das kann nicht jeder.
Keine Anweisung, sondern kluge Betrachtungen
Selbstverständlich kann dieses Buch kein Ratgeber sein. Das stellt er auch gleich eingangs klar. Andreas Altmann schreibt über Kindheit (nicht seine eigene, sondern seine persönliche Haltung zu den kleinen Geschöpfen) und Orte, die zu Lebensorten werden. Über Abenteuer und Angst, Gier und Religion, Eros, Liebe, Tod, Frauen und interessanterweise nicht über Männer, Schmerz, Einsamkeit, Sprache und noch viele andere Themen. Immer sehr kraftvoll und virtuos.
Und ich habe keinen einzigen Allgemeinplatz gefunden. Immer findet er die nicht so naheliegende Perspektive, platziert den überraschenden Gedanken. Besonders belebend finde ich seine dazwischen eingestreuten „Ein Moment im Leben“, wo er uns an einer kleinen Alltagssituation teilhaben lässt. Eine, die einen Menschen irgendwo auf unserem Planeten in seiner Weisheit, seiner Würde, seiner Lebendigkeit zeigt.
Eine Hommage an das Leben
Altmann ist mit diesem Buch eine Hommage an das Leben gelungen. Er ist ein guter Beobachter, seine Sprache reich und poetisch. Berührend auch, wenn auch nicht immer sanft, manchmal packt er einen auch am Arm und rüttelt. Spannend, wie er einerseits so kraftvoll und streitbar erzählt und andererseits den Menschen so liebevoll und weich begegnen kann.
Er fordert uns auf, das Leben nicht zu vergeuden. Sich ihm zu stellen, jeden Tag. „Das Leben will geliebt werden“, schreibt er. „Sonst lahmt es. Wer es nicht bewundert, wer nicht in höchsten Tönen von ihm erzählt, der bekommt ein Scheißleben.“ Das kann man sich hinter die Löffel schreiben. Und noch ein Zitat habe ich, passend zum Sinnthema:
„Also, wo ist der Sinn? Ich habe, endlich, beim Schweizer Psychiater C. G. Jung eine Antwort gefunden, die wunderbar irdisch und intelligent anmutet: Das einzig sinnvolle Leben ist ein Leben, welches nach der – absoluten und unabdingbaren – individuellen Verwirklichung seines ihm eigentümlichen Gesetzes strebt.“
Ganz meiner Meinung: Sei eigensinnig im wahrsten Sinn des Wortes.
Andreas Altmann: Gebrauchsanweisung für das Leben. Piper 2017
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