
Aquawalking, Wasserwandern, Longe côte – wie man es auch nennen mag: Voilà eine witzige und gesunde Sportart für Groß und Klein, Sportliche und Unsportliche.
Drei Wochen war ich in der Normandie und der Bretagne, drei Wochen war ich eingetaucht in eine für mich neue Welt. Nun bin ich frisch vom Urlaub zurück. Und ich habe dir etwas mitgebracht. Da staunst du, was? Nein, kein T-Shirt mit „Bretagne“ vorne groß drauf, auch keinen Plastikleuchtturm und auch kein Strandgut (das behalte ich mir, höhö!). Sondern etwas viiiiiel Besseres:
Ich habe dir eine sportliche Entdeckung mitgebracht.
Was machen die denn da?
Es begann, als ich eines Morgens in einem unserer B&Bs aufwachte und aus dem Fenster schaute. Und zunächst entzückt war: ein Zimmer mit Aussicht, und was für eine! Ich blickte auf den weiten, wilden Ärmelkanal. Das Wetter aprilmäßig kühl und solala, das Meer ziemlich bewegt. Doch was war das? Schwarze Punkte zwischen den Wellen!
Bei so einem unbequemen Wetter ist jemand im Wasser? Es waren drei schwarze Gestalten, und sie bewegten sich halbwegs synchron und rhythmisch im fast brusthohen Wasser vorwärts. Was machen die da? Die gehen im Wasser die Küste entlang!
Und dann stolperte ich in den Social Media auf eine Seite, die mir etwas von der „Sportart longe côte“ erzählte und dass sie eine französische Erfindung sei. Das wollte ich natürlich genauer wissen.

Wasserwandern, eine französische Erfindung
2006 überlegte sich der französische Profi-Rudertrainer Thomas Wallyn in Dunkerque (Nordfrankreich) ein neues, effektives Krafttrainingsprogramm für seine Ruderer. Wie bei vielen anderen Sportarten auch hatten sie bestimmte Muskelgruppen besonders gut trainiert, während andere unterentwickelt waren. Bizeps und Oberschenkel sind bei Ruderern beispielsweise gut ausgeprägt, Brust, Trizeps oder seitliche Bauchmuskeln hingegen weniger. Weil derlei Dysbalancen die Athleten verletzungsanfällig machen, wollte er einen sinnvollen Ausgleichssport finden.
Und er fand ihn.
Er ging an einem flachen Strand so weit ins Meer, bis das Wasser ihm bis zum Bauch reichte, und watete los. Er experimentierte mit Armbewegungen, mit Doppelruder und einfachem Ruder. Und stellte fest, dass diese so leicht aussehende Bewegung ganz schön anstrengend war. Sie sprach genau die richtigen Muskelgruppen an und war außerdem ein schöner Ganzkörpersport. Er nannte das longe côte.
Aus der Trainingsmethode wird eine Sportart: Longe côte
Der tolle Trainingseffekt stellte sich bald ein. Und so kam Thomas Wallyn auf die Idee, aus dieser Trainingsmethode gleich eine richtige Sportart zu machen. Er gründete einen Verein (OPALE Longe-côte), definierte Standards zu Regeln, Techniken und Sicherheitsfragen und organisierte Wettbewerbe. Er vernetzte sich mit dem französischen Wanderverband (wandern ist wandern, ob im Trockenen oder im Nassen ist egal, wird er sich wohl gedacht haben ;-)).
Tatsächlich schaffte er es, dass Longe-côte sich verbreitete. Zunächst in Frankreich bis nach Korsika runter, dann weltweit. Heute gibt es Wettbewerbe und Vereine von der Bretagne bis Australien, von Dubai bis Deutschland.
Nicht nur an Küsten, sondern auch an Seen wird wassergewandert. Den Starnberger See hat die Süddeutsche Zeitung sogar „die deutsche Hochburg des Wasserwanderns“ bezeichnet. In Saint-Malo habe ich sie in einem großen Naturwasser-Schwimmbecken beobachtet. Ob das in einem kleinen Indoor-Becken auch so viel Spaß macht? Käme auf einen Versuch an, vielleicht probiere ich das einmal.

Wasserwandern: So geht’s
Du gehst so weit ins Meer hinein, bis du bis zum Bauch oder bis zur Brust im Wasser stehst, und gehst dann immer parallel zur Küste. Wichtig ist, dass du schön im Passgang gehst: Mit dem linken Bein geht der rechte Arm nach vor und mit dem rechten Bein der linke Arm. Die Arme bleiben oberhalb des Wassers, nur mit den Händen tauchst du ein, während du nach hinten ziehst. Schau mal, hier ist ein Video.
Wasserwandern ist ein Ganzjahressport. Je nach Temperaturen und Kälteresistenz kannst du dir einen kurzen oder langen Neoprenanzug überziehen oder auch nur die Badehose. Schuhe sind sinnvoll, um sich nicht an Steinen oder Muscheln zu verletzen. Und im Sommer würde ich vermutlich eine Kappe aufsetzen gegen möglichen Sonnenstich und mich gut eincremen.
Der Sport hat natürlich Steigerungspotenzial: Du beginnst mit einem Spaziergang beim Schwätzchen mit der Freundin und steigerst das Tempo. Dann kannst du experimentieren: Mit Hand-Paddles, Doppel- oder einfachen Paddeln. Je mehr Wasserwiderstand, desto größer der Trainingseffekt. Und wenn es dir Freude bereitet, kannst du für einen Wettbewerb trainieren.

Welchen Effekt hat Wasserwandern?
Wasserwandern ist alles andere als ein Spaziergang. Alle, die schon mal Aquagymnastik probiert haben, werden sich das gut vorstellen können. Es ist gleichzeitig Muskel- und Ausdauertraining und involviert den gesamten Körper. Es stärkt dein Herz-Kreislauf-System und deine Stabilität, fördert die Durchblutung und schont dabei maximal deine Gelenke. Das klingt doch gut, oder?
Es fördert auch die Geselligkeit – ich habe Wasserwanderer in meinem Urlaub fast immer im Rudel beobachten können, ihre Gesichter einander zugewandt und ganz offensichtlich plaudernd. Vielleicht ist dieser Sport ja deshalb so schnell beliebt geworden.
Schade nur, dass ich so weit weg vom nächsten Strand lebe. In der Bretagne war es mir mangels Neoprenanzug zu kalt, um Longe côte auszuprobieren, ich geb’s zu. Aber ich habe es mir fest vorgenommen: Sobald ich einen flachen Strand vor mir habe, wird wassergewandert!
Zum Abschluss noch ein paar schöne Küstenaufnahmen aus der Bretagne. Da muss man doch einfach gern Sport treiben, ganz egal ob Wasserwandern, Joggen, Kitesurfen, Wellenreiten, Strandsegeln oder Radfahren.









Ich habe auch schon über andere Sport- und Trainingsarten berichtet, hier zum Beispiel:





