Natur fördert Gesundheit, belegt die Forschung. Über natürliche Geometie, das Tromsø-Paradoxon und den Anti-Stress-Effekt der Natur.

Sobald sich der Winter verabschiedet und die ersten Sonnenstrahlen beim Fenster hereinschauen, zieht es uns nach draußen. Klar, nach den dunklen Monaten, in denen wir uns vielleicht daheim eingeigelt haben, ist es befreiend, endlich wieder rauszukommen, ohne sich fünf Schichten überziehen zu müssen. Selbst diejenigen, die den Winter mögen, freuen sich auf den Sommer. Auf die Zeit, in der wir viel und lange draußen sein können.
Lange Zeit dachte ich, das läge hauptsächlich daran, dass wir instinktiv nach Sonne gieren, weil wir nach dem Winter dringend Vitamin D brauchen. Gegen den Winterblues und saisonale Depressionen. Doch dann las ich von Forschungen in nordischen Ländern und dem sogenannten Tromsø-Paradoxon. Selbst Menschen nördlich des Polarkreises entwickeln deutlich weniger saisonale Depressionen, als man es im Angesicht von drei finsteren Monaten erwarten würde.
Was haben Natur und Gesundheit miteinander am Hut? Warum tut uns die Natur so gut? Eines verrate ich dir gleich: Es ist viel mehr als nur die Sonne, die für unser Wohlgefühl sorgt. Die Natur wirkt nicht durch einen einzigen Mechanismus auf uns, sondern als Gesamtpaket.
Die Natur ist unser evolutionäres Zuhause
Seit sich vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahren der Vormensch vom Menschenaffen abgespalten hat, haben unsere Vorfahren in der Natur gelebt. Unser gesamtes System ist auf natürliche Umgebungen eingestellt: auf Berge, Steppen, Wiesen, Wälder, Gewässer, den Himmel, das Wetter, Tag und Nacht. Dem gegenüber stehen 12.000 Jahre, seit der Mensch begann, Häuser zu bauen. Erst die industrielle Revolution Ende des 18. Jahrhunderts führte dazu, dass wir mehr Zeit drinnen als draußen verbringen – also erst seit etwa 200 Jahren.
„Unser Körper versteht die Natur so, wie wir unsere Muttersprache verstehen. Unmittelbar, instinktiv, ohne uns dessen bewusst zu sein.“
Das sind gerade mal 0,003 Prozent der Zeit, seit es uns gibt. Soviel dazu, dass wir es doch längst gewohnt sein müssten, mit dem technologischen Fortschritt gut zu leben, was? Unser Genom hat sich in der Zeit schließlich kaum verändert. Die Wissenschaft geht von etwa nur einem Prozent aus. Man kann also mit Fug und Recht sagen: Unser Körper versteht die Natur so, wie wir unsere Muttersprache verstehen. Unmittelbar, instinktiv, ohne uns dessen bewusst zu sein.
Künstliches Licht, Innenräume, gerade, glatte Wandflächen, Lärm von Maschinen aller Art, all das ist biologisch gesehen ein Ausnahmezustand. Die Natur ist unser Normalzustand, in der wir uns wohlfühlen. Natur und Gesundheit sind wie eineiige Zwillinge. Alles Künstliche – vom künstlichen Licht bis zum Arbeiten in Innenräumen – mögen wir, weil es bequem und annehmlich ist. Gesund erhält es uns nicht unbedingt.
Fraktale Strukturen
Wenn man in den Wald hineinschaut, denkt man vielleicht: So ein Chaos! Alles ist unübersichtlich, kein Stein auf dem anderen quasi. Man muss schon genauer schauen, um zu erkennen, was der Mathematiker B. Mandelbrot 1975 erstmals erkannte: Die Natur hat Muster, die einer so genannten fraktalen Geometrie folgen.
Bei Geometrie denkst du vielleicht an deinen Mathe-Unterricht und an Kreise, Dreiecke und Rechtecke. Fraktale Geometrie bezeichnet im Gegensatz dazu geometrische Formen, die sich in der Natur in größeren und kleineren Maßstäben wiederholen: Die Adern eines Blattes ähneln der Verästelung von Zweigen und die wiederum der eines ganzen Baums. Ein kleiner Abschnitt einer Küstenlinie ähnelt der Küstenlinie aus größerer Entfernung. Die Linie eines Gebirges ähnelt der eines kleinen Hügels.
Der Physiker Richard Taylor von der University of Oregon zeigte in den 90er Jahren, dass unser Sehen im Laufe der Evolution genau auf diese Muster ausgerichtet wurde. Wir können diese fraktalen Geometrien mit einer Leichtigkeit erkennen wie kein anderes Muster.
Tiefenentspannt
Er konnte im EEG messen, dass diese Muster in unserem Gehirn Alpha- und Beta-Wellen ansteigen lassen – Wellen, die übrigens auch in der Meditation ansteigen. Alpha-Wellen sind ein Zeichen entspannter Wachheit, Beta-Wellen von fokussierter Aufmerksamkeit. In Kombination sind diese beiden Wellen jedoch selten.
„Das ist exakt, was die Natur mit uns macht: Unser Geist geht in der Natur in Millisekunden in Resonanz mit dem, was uns seit Jahrmillionen vertraut ist. Und Vertrautes beruhigt.“
Jetzt weiß ich jedenfalls, wie ich meinen Zustand im Wald besser beschreiben kann. Denn bei jedem Waldlauf empfinde ich eine Entspanntheit, aber gleichzeitig fühle ich mich so aktiv, so wach und präsent!
Das ist exakt, was die Natur mit uns macht: Unser Geist geht in der Natur in Millisekunden in Resonanz mit dem, was uns seit Jahrmillionen vertraut ist. Und Vertrautes beruhigt.
Die Natur reguliert unser Stresssystem
In kürzester Zeit reguliert also jedes natürliche Umfeld unser Nervensystem. Okay, vielleicht nicht gerade, wenn du in den Everglades einem Aligator über den Weg läufst. Aber wenn du vor Bäumen stehst und die Vögel zwitschern hörst, dient die Natur deiner Gesundheit. Cortisolspiegel, Herzfrequenz und Blutdruck sinken, der Parasympathikus (unser „Entspannungsnerv“) wird aktiviert. Das Gehirn kann regenerieren. Schon nach ein paar Millisekunden ist eine deutliche Stressreduktion messbar.
Ist es nicht faszinierend, wie perfekt Mensch und Natur aufeinander eingespielt sind? Oder zumindest wären, wenn wir sie nur machen ließen? Wenn ich daran denke, wie oft ich es mit Meditation probiert habe, ohne nennenswerten Erfolg. Dabei hätte ich nur in den nächstgelegenen Park gehen und ein wenig die Bäume und Sträucher betrachten müssen.
Indem die Natur unsere Stressachsen im Körper beruhigt, verbessert sich langfristig auch unser Schlaf. Der Blutdruck wird reguliert und auch das Risiko für chronische Erkrankungen sinkt, wie eine groß angelegte Harvard-Studie nachweist. Der Zusammenhang von Natur und Gesundheit zeigt sich außerdem im Immunsystem. Es profitiert deutlich vom Draußensein – ein Fakt, der deine gesunden Lebensjahre klar verlängern kann!
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Das Tromsø-Paradoxon: Natur und Gesundheit auch ohne Sonnenlicht
Tromsø ist eine norwegische Stadt jenseits des Polarkreises. Das heißt: monatelang kein Sonnenlicht. Trotzdem gibt es in der Bevölkerung deutlich weniger saisonale Depressionen, als man wegen des Lichtmangels erwarten würde. 2012 wurde eine Studie beendet, die hinter dieses Phänomen blickte.
So stellte man z. B. einen „Wintertime Mindset“ fest, also eine positive Einstellung zum Winter. Ich kann es mir gut vorstellen: Wenn ich mich über den Winter ebenso freue wie über den Sommer, dann gehe ich zu jeder Jahreszeit raus, nicht nur, wenn es warm ist. (Was übrigens auch noch einen weiteren Gesundheitseffekt hat, über den ich hier geschrieben habe. In Norwegen nennt sich dieses Mindset „Friluftsliv“ – wörtlich: Freiluftleben. Man geht raus, so oft es geht, und zwar nicht, um Sport zu treiben oder Vitamin D zu tanken, sondern einfach, weil man gern draußen ist. Norweger haben ein großes Herz für die Natur, einfach weil sie sich als Teil der Natur sehen. Was schließlich für uns alle gilt.
Was die Nordländer also vor Depressionen schützt, ist nicht primär das Sonnenlicht, sondern die Naturerfahrung. Sie sorgen bei jeder Gelegenheit dafür, die Natur zu hören, riechen, schmecken, fühlen und sehen. Die fraktalen Muster wirken dabei ganz automatisch.
Und wir? Bleiben trotzdem drinnen
Dem deutschen Umweltministerium zufolge verbringen wir Mitteleuropäer etwa 80 bis 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen. Drinnen wirkt gerade mal ein Zimmerpflänzchen mit seinen fraktalen Strukturen beruhigend auf unser Gehirn, das ist viel zu wenig. Wollen wir hoffen, dass wir wenigstens die restlichen drei Stunden nicht in der Bahn oder im Auto auf dem Weg vom oder zum Büro verbringen, sondern irgendwo im Grünen.
Doch jetzt steht der Sommer vor der Tür. Ist das nicht die perfekte Gelegenheit, vom Stubenhocker zum Freiluftfreund zu werden?
„Mach es wie die Norweger: Sei bei jeder Gelegenheit draußen. Es gibt kein Zuviel!“
Die tägliche Dosis: Sei 30 bis 40 Minuten im Grünen!
Ab zwei Stunden pro Woche in der Natur steigt die Wahrscheinlichkeit, deine physische Gesundheit zu verbessern. Dein Gehirn funktioniert besser und du bist auch psychisch stabiler. Wenn du zu Depressionen neigst, sollte eine tägliche Naturdusche dein Ziel sein (ich weiß, wovon ich spreche). Auch das findest du in oben erwähnter Harvard-Studie.
Wobei die zwei Stunden pro Woche natürlich ein Mindestmaß sein sollten. Den weit größeren Nutzen hast du, wenn du es auf 4 bis 5 Stunden wöchentlich bringst. Mach es also am besten wie die Norweger: Sei bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit draußen. Es gibt kein Zuviel!
Noch etwas: Auch wenn ich bei jeder Gelegenheit den Sport preise, ist für diesen Effekt kein besonderes Spektakel nötig. Du musst nicht täglich auf den Berg raufrennen. Eine Runde im nächsten Park, ein Morgenspaziergang am Fluss, ein Umweg durch die Alleestraße tun es auch. Wobei es selten verkehrt ist, sich nicht auch ein wenig dabei anzustrengen, um dir noch mehr Gesundheit zu gönnen.






