
Du hast es gern bequem? Nur nicht anstrengen? Über den Sinn des Unbequemen und dass wir uns damit einen großen Dienst erweisen würden, kannst du hier nachlesen.
Neulich beim Orthopäden. „Setzen Sie sich doch“, sagt der Arzt mit einladender Geste. „Danke, ich stehe lieber.“ Er nickt lächelnd. Wir wechseln ein paar Worte. „Aber setzen Sie sich doch!“ Ich schaue ihn verlegen an. „Aber ich würde wirklich lieber …“ „Ach so, ja. Klar, Sie haben Recht!“
Und ich muss wieder einmal darüber nachdenken, wie sehr wir es verinnerlicht haben zu sitzen. Es ist sogar eine Geste der Gastfreundschaft, zum Sitzen aufzufordern. Man fühlt sich fast unhöflich, wenn man lieber stehen bleiben will. Als würde man ein Geschenk ablehnen.
So ist es in fast allen Lebenslagen: Wir sitzen ständig und müssen nicht viel zu Fuß gehen. Am Arbeitsplatz haben wir alles in Griffweite, sodass wir nicht aufstehen müssen. Wir haben alle Annehmlichkeiten des Alltags, vom E-Herd bis zur Waschmaschine. Wir müssen nicht einmal mehr mit der Hand schreiben, und seit KI sollen wir sogar das Denken und Kreativsein eine Maschine machen lassen (weil sonst ist man ja nicht up-to-date).
Leute, ehrlich: So wird das nix mit einem gesunden, langen Leben. Einem wachen Geist, der uns Freude am Leben beschert. Muskeln, die uns bis zum Ende durch die Welt tragen, sodass wir sie genießen können.
Als das Bequeme noch ein Privileg war
In der Antike war das Leben vergleichbar unbequem. Das Anbieten eines Sitzplatzes war daher eine Geste, mit der man dem Gast Schutz vor der gefährlichen Außenwelt versprach. Man legte zum Sitzen die Waffen ab, und damit war klar: Wir tun einander nichts, wir können entspannen. Wenn ich mich richtig erinnere, haben in den Karl-May-Filmen die Indianer ihre Friedenspfeife auch immer sitzend geraucht.

Später, im Mittelalter, war ein Sessel ein knappes Gut, das nur dem Herrscher zustand. Wem der Herrscher einen Stuhl zugestand, der war privilegiert.
Heute sind wir wohl alle privilegiert. Wobei … Ist das so? Mir scheint, dass sich da etwas umkehrt: Die, die viel und gern sitzen, werden früher oder später krank. Die, die so gut es geht drauf verzichten, sorgen für ihre Gesundheit. In Anbetracht der um sich greifenden Zivilisationskrankheiten kann man da schon fragen: Wer hat hier genau welches Privileg?
Wie zu viel Bequemes uns schadet
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Sitzen, um zu rasten, ist ebenso wichtig wie liegen, um zu schlafen. Geschirrspüler und Waschmaschine, und selbst den Computer wollen wir bestimmt nicht mehr missen. Viele Erfindungen haben uns weitergebracht. Wenn ich nur an die mechanische Schreibmaschine denke, mit der ich meine ersten Maschinschreibübungen gemacht habe, und der Sehnenscheidenentzündung, die mich plagte. Auf einer Computertastatur hatte ich die noch nie (dafür einen Maus-Arm, naja ;-)).
Es ist wie beim Glas Wein: Ab und zu ein Gläschen wird mir nicht schaden. Täglich eine Ration Alkohol aber schon.
Sitzen und zu wenig Bewegung
Sitzen, um mich von körperlicher Anstrengung auszuruhen, ist sinnvoll. Darüber hinaus sorgt das Sitzen für Verkürzungen, für versulzte Gelenke und für Muskelschwund.
- Die Verkürzungen betreffen beispielsweise den Hüftbeuger, was zu ordentlichen Kreuzschmerzen führen kann.
- Gelenke, die nicht ausreichend bewegt werden, werden steif. Wer glaubt, dass Kniearthrose von zu viel Sport kommt, ist auf dem Holzweg. Im Gegenteil! Es ist das viele Sitzen, das die Knorpel verkümmern lässt.
- Muskelschwund ist der Grund, warum wir mit den Jahren immer ungeschickter werden, stolpern und stürzen, weil gleichzeitig unsere Reaktionsfähigkeit sinkt und wir uns nicht abfangen können. Im höheren Alter winkt der Rollator, und diesen Spaßkiller brauchen wir wirklich nicht.
Wenn dich das Thema Bewegung interessiert, könntest du in unserem Buch weiterlesen. Darin geht es um gesunde Langlebigkeit, und Bewegung ist eine wesentliche Säule dazu.
Denken und Kreativität an die Maschine delegieren
Ich werde von manchen Menschen gern ins KI-feindliche Lager verbannt, weil ich diesbezüglich eine gewisse Skepsis pflege. Dabei finde ich, dass KI uns in vielen Bereichen wirklich wertvolle Dienste erweist und erweisen wird. Ich denke nur an Arbeitserleichterungen in der Industrie und Unterstützung in der Medizin.
Wo ich aber Sorge habe, ist der kreative Bereich. Ja, wir können die KI unsere Mails und sonstigen Texte schreiben lassen. Wir können Bilder erzeugen und Fotos generieren, wir können sie ganze Filme produzieren lassen und angeblich lassen sich damit auch tolle Gemälde malen.
Aber was geht dabei verloren? Wer beispielsweise schreibt, muss dafür seine grauen Zellen einschalten. Muss querdenken, innovativ sein, den vorhandenen Hirnspeicher anzapfen, Synapsen bemühen, neuronale Verschaltungen in Bewegung halten. Das hält unser Gehirn in Schuss! Ich sage nur Alzheimer …
Wie unsere kognitive Leistungsfähigkeit leidet
Mit jeder Denkarbeit, die wir an eine Maschine delegieren, verkümmert diese Fähigkeit in uns. Ich merke es selbst: Als es noch keine Navis gab, war ich wirklich gut darin, Karten und Umgebungen zu lesen und den richtigen Weg zu finden. Heute, nach vielen Jahren bequemer Navi-Nutzung (man bekommt ja schon lange kein Auto mehr ohne!) habe ich diese Fähigkeit weitgehend verloren, und ich finde das schade. Zumindest Kopfrechnen kann ich noch trotz allgegenwärtiger Taschenrechner.
Eine Studie des MIT, des Massachusetts Institute of Technology, zeigte, dass KI-Nutzer eine deutlich geringere neuronale Aktivität in den Bereichen Kreativität und Aufmerksamkeit aufwiesen. Auch das kritische Denken litt. Nähere Ausführungen dazu kannst du hier nachlesen.
Noch gibt es zu wenige Studien zu diesem Thema. Doch wenn ich daran denke, wie sehr unser Gehirn bereits durch das „Hirn in der Hosentasche“ aka Handy leidet, kann man sich schon denken, was kommt. Schon durch das Handy ist unsere Aufmerksamkeitsspanne und damit Konzentrationsfähigkeit deutlich gesunken. Unser Langzeitgedächtnis schwächelt seitdem und damit unsere Merkfähigkeit.

Aus meinem mittelalten Umfeld höre ich so oft „Schrecklich, ich kann mir überhaupt nix mehr merken!“. Was werden sie wohl in zehn Jahren sagen? Das Alter wird’s dann vermutlich gewesen sein. Vielleicht hat aber auch die Bequemlichkeit diesen Alterungsprozess verstärkt, sodass unsere Merkfähigkeit so leidet.
Hormesis oder: Was das Unbequeme uns Gutes tut
Hormesis nennt die Wissenschaft das Phänomen, dass geringe Dosen schädlicher Substanzen und Stress eine positive Wirkung auf uns haben. Kurze Kälte oder Hitze beispielsweise oder Überanstrengung sind damit gemeint. Was dabei passiert:
Der Körper nimmt die Herausforderung an und – das ist das Entscheidende – reagiert mit Anpassung.
Deine Muskeln beispielsweise. Wenn du im Fitnesscenter das nächsthöhere Gewicht auflegst und deinen Muskel forderst, hat der im Moment Stress: Er soll etwas stemmen, das er bisher noch nicht stemmen musste. Danach fühlst du dich müde, du hast vielleicht sogar Muskelkater und ruhst dich ein bisschen aus. In dieser Zeit erfolgt die Anpassung. Dein Körper erhöht beispielsweise die Anzahl der Mitochondrien im Muskel, die dafür sorgen, dass er beim nächsten Mal das höhere Gewicht leichter schafft.
Dieses Prinzip wirkt auch bei Kälte und Hitze – Sport bei jedem Wetter beispielsweise oder Sauna. Dein Körper passt sich an, was deinem Immunsystem zuträglich ist. Damit du nicht jedes Mal zwei Wochen darniederliegst, wenn dich in der U-Bahn einer anniest.
Auch auf deine Synapsen und neuronalen Verflechtungen lässt sich das Prinzip umlegen. Jedes Mal, wenn dein Hirn raucht, wird es leistungsfähiger. Der Spruch „Use it or loose it“ hat letztlich in der Hormesis seinen Ursprung.
Mach es dir unbequem
Der Sinn des Unbequemen ist also, stärker zu werden – und zu bleiben. Das Unbequeme sorgt dafür, dass all dein Potenzial, sei es körperlicher oder geistiger Natur, nicht verfällt. Ja, es ist verführerisch, im Moment das Bequeme zu wählen. Dieser Verlockung zu widerstehen, ist nicht einfach. Sinnvoll ist es allemal!






