Die Intelligenz der Schüchternheit

Schüchternheit ist kein Defizit. Wofür sie gut ist, was die Psychologie darüber weiß und welche Denkfehler man korrigieren sollte.

Vor zwei Jahren oder so war ich auf der Suche nach einer Grafikerin. Ich unterhielt mich mit einer vielversprechenden Kandidatin per Zoom. Unter anderem erzählte ich ihr von meiner Zielgruppe, und so kamen wir auf introvertierte und schüchterne Autor*innen zu sprechen, die ich besonders häufig begleite.

„Weil ich ja auch schüchtern bin“, sagte ich, „und daher sehr gut verstehen kann, in welch besonderer Lage man ist, wenn man ein Buch promoten soll und so große Probleme mit dem Rampenlicht hat.“

Sie stutzte. „Was heißt, du bist schüchtern? Das glaube ich nicht. Du bist über 20 Jahre selbstständig! Da kannst du gar nicht schüchtern sein, sonst wärst du schon längst weg vom Fenster.“

Von wegen „Mit Schüchternheit kommt man nicht weit“

Sie meinte das nicht als Schmeichelei, wie ich zunächst dachte. Sie zweifelte allen Ernstes an meinem schüchternen Naturell, wie sich im weiteren Gespräch herausstellte. Schüchterne Menschen könnten nicht erfolgreich sein. Wer schüchtern sei, komme überhaupt gar nicht erst auf die Idee, sich selbstständig zu machen. Das war für sie sonnenklar und sie ließ sich nicht davon überzeugen, dass es auch anders sein könnte. Ich beendete das Gespräch bald. Wenn sie meine Kunden nicht versteht und mich auch nicht, kann sie auch keine passenden Grafiken für mein Business erstellen. 

Mit diesem Vorurteil ist sie leider nicht allein. Schüchternheit betrachten viele gern als Defizit. Wer erfolgreich sein will, müsse sie überwinden. Nur die Lauten kämen weit, meinen sie.

So viele Vorurteile

Was mich einigermaßen fassungslos macht. Wie kommt man auf die Idee, dass Schüchternheit ein Defizit wäre? Warum spricht man Schüchternen die Fähigkeit ab, ein eigenes Business aufzubauen und dabei erfolgreich zu sein? Was steckt dahinter, wenn Menschen glauben, Schüchterne kämen nicht weit und könnten ihre Ziele und Träume nicht verwirklichen?

Nun, wenn sie sich da mal nicht täuschen.

Was ist Schüchternheit überhaupt?

Schüchtern ist man, wenn man sich in verschiedenen sozialen Situationen unbehaglich und gehemmt fühlt. Man habt Angst vor Verurteilung oder davor, entblößt und beschämt zu werden. Wir Schüchternen stehen daher nicht gern im Mittelpunkt. Smalltalk ist schwierig, ebenso der Umgang mit fremden Menschen. Wir erröten, wir bekommen arges Herzklopfen, wir haben Angst, negativ bewertet zu werden.

Oft werden Schüchterne mit den Introvertierten in einen Topf geworfen, doch da muss man unterscheiden: 

  • Introvertierte sind sich oft selbst genug, sie brauchen nicht viele Menschen um sich. Sie tanken Energie am besten, wenn sie allein sein können. Sie haben nicht unbedingt Angst in sozialen Situationen. 
  • Schüchterne hingegen wünschen sich oft sozialen Kontakt und trauen sich aber nicht. Was ein Dilemma ist! Natürlich gibt es Menschen, die beides sind und eines mehr ausgeprägt ist. Auch ich habe ein bisschen Introvertiertheit in mir.

Im Übrigen ist Schüchternheit keine Seltenheit, im Gegenteil. Eine Umfrage in den 70er Jahren hat ergeben, dass über 80 Prozent irgendwann im Leben schüchtern sind. Das ist also eher der Normalfall als die Ausnahme.

Sinn der Schüchternheit: das Eigene, die Intimität schützen

Ich bin ja der Meinung, dass es nichts auf der Welt gibt, das nicht für irgendwas oder irgendjemanden gut ist. Und so ist auch die Frage berechtigt: Was hat sich die Natur dabei gedacht, dass manche Menschen schüchtern sind? Nun, es ist nicht allzu schwer, die Antwort zu finden. 

Hinter der Schüchternheit steckt die Kernfrage: Darf ich mich so zeigen, wie ich bin? Werde ich bewertet, und wenn ja, schneide ich dabei gut ab oder nicht? Werde ich womöglich beschämt, lächerlich gemacht?

Genau davor also schützt die Schüchternheit. Wenn wir ihr das Steuer überlassen, sorgt sie dafür, dass wir erst gar nicht in Situationen kommen, in denen wir verurteilt oder beschämt werden. Auf diese Weise wird also unsere Würde bewahrt. (LINK)

Die meisten lernen, mit ihrer Schüchternheit umzugehen

Doch das Leben konfrontiert uns und fordert uns heraus, sodass wir diesen Schutz immer wieder ablegen müssen. Auf diese Weise lernen wir hoffentlich, dass nicht jede Situation so gefährlich ist, wie sie uns vorher scheint. Manche lernen das noch als Kind, andere erst im Laufe ihres Erwachsenenlebens.

Der Harvard-Professor Jerome Kagan fand heraus, dass nur ein Teil der Kinder, die schüchtern sind, das auch bleibt. Man lernt schließlich mit den Herausforderungen. Genau deshalb stimmt auch das Vorurteil nicht, dass Schüchterne alles Angsthasen wären. 

Schüchterne sind Angsthasen? Nur bedingt!

Ganz im Gegenteil, würde ich sagen. Je mehr Schüchterne das pralle Leben genießen wollen, desto öfter müssen sie sich in Situationen begeben, in denen sie über ihren Schatten springen müssen. Sie müssen also viel öfter als andere mutig sein: Menschen ansprechen, die man nicht kennt. Etwas fordern, weil man es dringend braucht. Auf seinem Recht bestehen, sich durchsetzen, weil es einem so wichtig ist. Auf ein Netzwerktreffen gehen, um genug Kunden zu haben. Eine Lesung abhalten, weil man möchte, dass das Buch unter die Leute kommt. Es gibt jede Menge alltäglicher Dinge, für die Schüchterne viel Mut brauchen.

Natürlich gibt es auch feige Schüchterne – so wie es auch feige laute Menschen, ja sogar feige Wichtigtuer gibt. Mut ist nämlich keine Wesensart, sondern eine Entscheidung. Schüchternheit ist nicht gleichzusetzen mit Feigheit. Mut ist schließlich nicht die Abwesenheit von Angst, sondern eine Entscheidung, etwas trotz Angst anzugehen. Und vielleicht sind Schüchterne da sogar besser abgehärtet als andere! 

Schüchtern und trotzdem erfolgreich

Ich erinnere mich mit Schaudern an eine Zeit, in der ich mich als Seminarleiterin versuchen wollte. Es war zwar eine Horrorvorstellung, mich vor eine Gruppe von Menschen zu stellen und zu reden, aber ich wollte wissen, ob ich das kann. Und siehe da, ich bekam durchwegs sehr gute Bewertungen. Soviel also dazu, dass man als Schüchterne nicht erfolgreich sein kann.

Allerdings sah ja auch niemand, welche Höllenqualen ich vor jedem Seminar durchmachte. Magenschmerzen, schlaflose Nächte und jede Menge Versagensängste hatte ich, doch das bekam nur mein Herzblatt zu Hause mit. Ich strich die Seminare schließlich wieder aus meiner Angebotspalette. Der große Stress davor war mir dann doch zu anstrengend.

Nur um hier ein häufiges Missverständnis zu klären: Nur weil ich gelernt habe, mit meiner Schüchternheit umzugehen, bin ich deshalb noch lange nicht extrovertiert. In meinem Innersten lebt die Schüchterne weiter fort. Nur von außen betrachtet kann es mitunter so ausschauen, als wäre ich nicht mehr schüchtern.

Bleib bei deinem Eigensinn

Man lernt mit den Jahren, mit seiner Schüchternheit umzugehen. Den Eigensinn zu entdecken, und zwar so gemeint, wie ich ihn hier beschrieben habe. Mit der Zeit findet man einen guten Weg, sodass man trotzdem seine Träume verwirklichen kann. Man lernt zu unterscheiden: Ist mir die Sache so wichtig, dass ich über meinen Schatten springen will und meine Ängste in Kauf nehme? Worauf verzichte ich gern, weil es mich zu viele Nerven kostet? 

Oft muss man gar nicht verzichten, sondern nur bereit sein, den üblichen Weg zu verlassen. Ein schönes Beispiel sind all meine Autorinnen und Autoren, die ich bei ihrem Buchprojekt begleite. Den Schüchternen unter ihnen helfe ich, eine Form des Buchmarketings zu finden, das sie gut umsetzen können. Sie stehen dann beispielsweise nicht auf einer Bühne und präsentieren ihr Buch und müssen auch nicht mit fremden Menschen telefonieren. Bücher kann man auch auf andere Weise vermarkten, auch ohne Trommelwirbel und Marktschreierei.

Die Vorteile der Schüchternheit

Während der Corona-Lockdowns hat sich gezeigt, dass Schüchterne und Introvertierte mit der Situation besser umgehen konnten und weniger Stress empfanden. Da wurde Schüchternheit plötzlich zur Fähigkeit! Doch die Vorzüge zeigen sich auch in ganz normalen Situationen. Lust auf eine Wohlfühldusche für die schüchterne Seele?

Besonnener Mut

Einer der wichtigesten Vorteile ist vielleicht, dass ihr Mut nicht mit Leichtsinn, Rücksichtslosigkeit oder Aktionismus einhergeht. Schüchterne tendieren eindeutig zu besonnenem Mut, der nicht nur für sie selbst, sondern auch für andere von Vorteil ist. Mut ist eine trainierbare Fähigkeit, das sollten sich alle Schüchterne hinter die Ohren schreiben (und die anderen auch). Mit Mut lernt man die eigene Selbstwirksamkeit kennen, und die ist erwiesenermaßen ein wichtiger Teil eines gelingenden Lebens.

Gute Zuhörer

Schüchterne Menschen halten sich lieber im Hintergrund und reden nicht zu viel. Sie hören lieber zu – und weil sie feinfühliger sind als andere, nehmen sie Zwischentöne und Details oft genauer wahr und agieren vorsichtiger und empathischer als Menschen, die lieber selbst reden.

Erröten schafft Vertrauen

Erröten signalisiert: „Mir ist nicht egal, was ihr denkt.“ Oder auch „Ich möchte mich an die Regeln halten“. In einer Studie wurde festgestellt, dass Menschen, die nach einem Missgeschick erröten, von anderen als vertrauenswürdiger beurteilt werden als Menschen, die Missgeschicke einfach so abtun.

Grenzen respektieren

Wir Menschen wollen einerseits gesehen werden, andererseits uns schützen. Auf Letzteres zielt die Schüchternheit ab. Schüchterne neigen daher viel mehr dazu, die Grenzen anderer zu respektieren – weil sie sehr gut wissen, wie wichtig Grenzziehungen für sie selbst sind.

Tiefe Freundschaften

Schüchterne neigen dazu, lieber weniger, dafür tiefgehende Freundschaften zu pflegen als viele, aber oberflächliche. Man könnte natürlich sagen, dass sie nicht viele Freunde haben können, wo sie sich oft nicht trauen, auf Fremde zuzugehen. Doch es muss gar nicht sein, dass Schüchterne nur wenige Freunde haben: Weil sie Vertrauen ausstrahlen, ist es für andere einfacher, sich ihnen zu nähern, als einem lauten Menschen. 

Würde zeigen

Bei all der Nabelschau, falsch verstandener Authentizität  und übertriebener Selbstdarstellung in den Social Media demonstrieren Schüchterne, dass es auch anders geht. Wir zeigen nicht alles, was man zeigen könnte. Das mögen andere als Verklemmtheit interpretieren. Ich meine, da steckt doch ganz viel Würde drin, oder?

Was mich anlangt, so bin ich sehr gern Provokateur aller Extrovertierten, wie das der Soziologe Urs Stäheli in der Zeitschrift Psychologie Heute formulierte. Dort kannst du auch gern weiterlesen: über den Schüchternen als Figur, die zum Nachdenken anstößt, über die Zumutung ständig vernetzt zu sein, über die vermeintliche Arroganz Schüchterner und das „Ideal des Extrovertierten in Unternehmen“.


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Ich bin Daniela Pucher, Autorin und Coach mit Sinn für den Eigensinn. Wenn ich nicht gerade anderen Autor*innen helfe, ihr Sachbuch zu schreiben, schreibe ich eigene Bücher. (www.daniela-pucher.at) Und seit Anfang 2024 schreibe ich hier über das bunte, fitte, sinnvolle Leben.

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