7 Missverständnisse über die Suche nach dem Sinn

Über Sinnfragen nachzudenken braucht doch eh keiner? Hier werden die sieben häufigsten Missverständnisse zur Sinnfrage aufgeklärt. Lass dich vom Sinn des Sinns überzeugen!

Wenn ich bei manchen Menschen mit einem meiner Lieblingsthemen – der Sinnfrage – um die Ecke komme, werde ich manchmal schnell abgewunken. Sinn, so meinen sie, sei so etwas Großes, und überhaupt, sie kämen auch ganz ohne dieser Frage sehr gut zurecht im Leben.

Zeit, mit ein paar Missverständnissen aufzuräumen. Nicht, weil ich dir unbedingt Sinn aufdrängen möchte. Sondern weil ich die Sinnfrage so praktisch finde, und zwar für fast alle Lebenslagen, und sei es nur zur Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsentwicklung (was uns nachweislich zufriedener macht). Jedenfalls aber immer, wenn du wichtige Entscheidungen zu treffen hast. 

Die Frage nach dem Sinn ist ein wichtiger Haltegriff, eine Orientierungshilfe mit besonderer Wirkkraft. Dazu muss man aber den Sinn richtig verstehen. Hier also mein Licht ins Dunkel der ach so hirngespinstigen Frage nach dem Sinn.

Sinnfrage? Braucht doch keiner!

Eine Umfrage in Deutschland hat ergeben, dass etwa ein Drittel der Menschen dem Sinn indifferent gegenüberstehen und kein Bedürfnis danach haben, ihn zu kennen. In Österreich ist das wohl ähnlich. Diese Menschen leben halt einfach, und das gar nicht mal so schlecht.

Doch genau das ist der springende Punkt: So lange das Leben es mit einem gut meint, ist der Sinn vielleicht nicht so wichtig. Doch spätestens, wenn wir uns in einer Krise, einer schwierigen Lebensphase befinden, holen wir sie dann doch her. „Warum straft mich das Leben so?“, fragt man sich dann. „Welchen Sinn soll es haben, dass ich so schwer krank bin?“ Oder „Warum habe immer ich so viel Pech in der Liebe?“

Es soll auch reiche Menschen geben, die nicht arbeiten müssen und trotzdem in Saus und Braus leben können, und die dennoch Selbstmordgedanken haben. Weil sie keinen Sinn im Leben finden.

Daher also: Doch. Die Sinnfrage ist eine zutiefst menschliche Frage. Wir wollen unser Leben verstehen. Wir wollen uns einordnen können in einem größeren Kontext. Es braucht keine große Krise, um den Bezug zum Kontext zu verlieren. Das kann sogar der Alltag schaffen, wenn er uns verschluckt und wir im Hamsterrad treten.

Beim Sinn geht es nur um den Lebenssinn.

Bei weitem nicht nur. Der Lebenssinn ist eine spannende, für manche aber zu philosophische Frage oder sie wird gern in die religiöse oder spirituelle Ecke gestellt. Too sophisticated. Zu verkopft. Mich hat die Frage tatsächlich sehr lang immer wieder beschäftigt. Da steckte wohl schon immer eine kleine Philosophin in mir. 😉 Und zwar gleich in der ganz großen Form: Nicht nur, wofür ich lebe, sondern: Wofür sind wir Menschen auf dieser Welt? Eine befriedigende Antwort habe ich nie gefunden. Vielleicht gibt es dafür auch gar keine Antwort.

Seit meiner Ausbildung für Existenzielles Coaching bei Alfried Längle kenne ich aber endlich die verschiedenen Aspekte des Sinns. Und vor allem habe ich den praktischen Nutzen der Sinnfrage kennengelernt. Es ist hilfreich, zu unterscheiden:

  • Der onthologische Sinn im philosophischen und spirituellen Kontext: Hier geht es um die große Seinsfrage, um den Sinn des Ganzen. 
  • Der existenzielle Sinn im psychologischen und persönlichen Kontext: Dabei fragen wir nach dem, was für uns individuell sinnvoll ist – für unser Leben und für jede Entscheidung.

Wenn du dich näher damit beschäftigen willst, kann ich dir diesen Artikel von Alfried Längle herzlich empfehlen. Auch hier findest du weitere Infos.

Sinnsuche ist Glückssuche.

Sinn kann, muss aber nicht glücklich machen. Der Besuch beim Zahnarzt ist äußerst sinnvoll – aber macht er glücklich? Höchstens, wenn er vorbei ist und die Ärztin nicht bohren musste. Oder ein anderes Beispiel: Für mich ist das Schreiben von Büchern in höchstem Maß sinnerfüllend. Trotzdem sitze ich nicht ständig vor Glück strotzend vorm Notebook, weil Schreiben auch anstrengend und frustrierend sein kann. Es gibt wohl kaum einen Profischreiber, und sei er noch so leidenschaftlich dabei, der nicht auch mal am liebsten den Hut drauf hauen würde.

Sinnerfülltes Leben kann also auch Schmerz, Anstrengung und schwierige Zeiten mit sich bringen. Dennoch: Zahlreiche Studien belegen, dass Menschen, die einen Sinn in ihrem Dasein sehen, meist fröhlicher sind und sich besser fühlen als jene, die das nicht tun. Vielelicht könnte man es so auf den Punkt bringen: Wer glücklich ist, erlebt gerade einen sinnerfüllten Moment. Wer aber sinnerfüllt lebt, empfindet sein Leben insgesamt schöner, auch wenn es nicht immer angenehm ist. Mehr über Sinn und Glück kannst du gern hier nachlesen.

Sinn, Ziel, Zweck, Purpose – ist doch eh alles dasselbe.

Nein, gar nicht. Der Reihe nach:

Ein Ziel ist etwas, das wir uns vornehmen und idealerweise auch erreichen. Punkt, abgehakt, nächstes Ziel. Sinn aber hat keinen Endzustand. Er begleitet uns unser ganzes Leben lang und verändert sich mit unserer persönlichen Entwicklung.

Beim Zweck geht es um Nützlichkeit. „Der Zweck heiligt die Mittel“ bedeutet schließlich, dass es egal ist, wie man etwas erreicht hat, Hauptsache das Ergebnis hilft. Der Sinn bezieht sich jedoch auf die eigenen Werte, auf das gesamte Wesen des Menschen. Er geht also viel tiefer.

Purpose ist seit etlichen Jahren ein sehr populärer Begriff in der Unternehmensführung. Er ist somit auf einen Unternehmszweck gerichtet mit der Absicht, die Mitarbeitenden emotional einzubinden. 

Auch das englische Wort meaning ist nicht dasselbe wie Sinn, auch wenn es oft so übersetzt wird. Meaning heißt Bedeutung. Am ehesten könnte man sagen: Purpose + meaning = Sinn.

Die Sinnsuche ist egoistisch und narzistisch.

Also ich persönlich wäre ja nie im Leben auf die Idee gekommen, die Sinnsuche egoistisch zu sehen. Im Gegenteil! Steckt hinter der Suche nicht letztlich das Bedürfnis, sich in ein größeres Ganzes einzubringen?

Lass mich das erklären. Ich hoffe, wir sind uns einig darin, dass wir nicht wirkungslos sein können, oder? Egal, was ich tue oder auch nicht tue, es hat immer einen Effekt auf mein Umfeld. Also wäre es doch gut, ein Bewusstsein darüber zu haben, was ich bewirke. Wenn ich über den Sinn eines Vorhabens nachdenke und sinnbasiert entscheide, sorge ich dafür, dass nicht einfach irgendetwas geschieht, sondern dass etwas Gutes dabei herauskommt. Für mich UND für andere.

Sinn findet man, und dann ist’s gut.

Viele Menschen meinen, der Sinn sei etwas, das man irgendwo findet. Wie ein Osterei, das jemand (vielleicht auch eine höhere Macht) gut versteckt hat. Wenn man es gefunden hat, gehört es einem und darf es essen. 

Damit einher geht also die Auffassung, eine Antwort auf die Sinnfrage fände man irgendwo im Außen:

  • Im Traumjob beispielsweise. „Ich bin im falschen Beruf, daher habe ich meinen Sinn noch nicht gefunden“, sagen sie. Doch so wird sich der Sinn nie erschließen. Es ist nie ein Job, der einem Sinn gibt, sondern umgekehrt: Ich habe einen Job – und nun drücke ich ihm meinen Stempel auf. Meinen Sinn. Was nicht heißt, dass man nicht auch kündigen soll, wenn man in eine Sackgasse geraten ist.
  • Der perfekte Partner. Viele Menschen haben die Erwartung, dass der oder die andere das eigene Leben vervollständigt und ihm Bedeutung verleiht. Bin ich nicht glücklich, ist es der falsche Partner, so die irrige Annahme. Auch manche Single geraten manchmal in eine Sinnleere.
  • Der Klassiker: Status und Reichtum. Dass Geld allein nicht glücklich macht, ist eine oft zitierte Weisheit. Geld allein erfüllt einen aber auch nicht mit Sinn. Wirf ein paar Euro rein, und schon ist dein Leben sinnvoll – so einfach ist das nicht. 

Warum solche Vorstellungen nicht aufgehen? Hinter alldem steckt die Illusion, dass die Welt uns Sinn zur Verfügung stellt. Doch es ist umgekehrt. Durch unser hoffentlich reflektiertes Handeln, durch unsere sinnvollen Entscheidungen schaffen wir Sinn in der Welt.

Nur als Aussteiger*in finde ich den wahren Sinn in meinem Leben.

Auch dieser Idee liegt die Fehleinschätzung zugrunde, man müsse nur das Außen verändern, und schon ist alles gut und sinnvoll. Man müsse nur den Job kündigen, auswandern, die lahme Beziehung beenden – oder alles zusammen. 

Doch Sinn braucht nicht zwingend eine radikale Veränderung. Sinn erschließt sich im Alltag, immer dann, wenn du eine Brücke bauen kannst zwischen deinem nächsten Schritt und einem deiner Werte. Wenn du Dinge tust, die dir wichtig sind, von denen du ausgehst, dass etwas Gutes dabei herauskommt. Und sei es nur der Genuss eines wunderhübschen Schokotörtchens auf der Sonnenterrasse deines Lieblingscafés.

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Dieses Magazin ist jedenfalls kein Ich-weiß-alles-und-sag-dir-wie’s-geht-Blog. Sondern eines, das dich inspirieren soll, dir Anregungen bietet oder dich auch einfach nur unterhält. Wenn ich dich bei deinen Lebensprojekten unterstützen soll – ich freue mich auf deine Nachricht!

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