
Die eigene Biografie besteht aus lauter Geschichten. Manche erzählen wir anderen, manche nur uns selbst und für manche haben wir auch gar keine Worte. Warum wir sie gern erzählen und wie sie in uns wirken.
Ein Treffen mit meinem Vater. Wir plaudern. Er fragt nach meinem Leben und ich erzähle von meinen Erlebnissen der letzten Tage. Auch er kommt ins Erzählen, als wir später über Sport diskutieren. Er erzählt Geschichten aus seiner Zeit als Bergsteiger. Von seinen Abenteuern im Kaukasus, von schwierigen Klettertouren in den Alpen, von seiner 7000er-Erstbesteigung im Himalaya.
Später fahre ich wohlgenährt nach Hause – wohlgenährt vor allem durch das Gefühl der Verbundenheit. Seine Bergabenteuer-Geschichten lösen auch in mir Erinnerungen aus, gemeinsame Erfahrungen, Gefühle von damals.
Ist es nicht schön, wie nährend Geschichten sind? Und ich frage mich:
Was ist eigentlich der Sinn des Geschichtenerzählens? Warum erzählen wir so gern aus unserer Biografie?
Geschichten erzählen und sein sozialer Aspekt
Geschichten zu erzählen ist ein menschliches Bedürfnis. Wir tun das ganz automatisch bei Begegnungen in der Arbeit, mit Freunden, mit der Familie. Darin liegt ein sozialer Wert, der uns Menschen ausmacht. Ich bin sicher, du kannst das nachvollziehen. Natürlich haben sich auch Wissenschaftler das näher angeschaut.
Geschichten unterhalten uns
Ich denke, da brauche ich nicht viel dazu schreiben. Seit der Antike gibt es Theateraufführungen, um die Menschen zu unterhalten. Das heutige Äquivalent ist neben den Bühnen auch noch das Kino und Filme im Fernsehen, Hörstücke, nicht zu vergessen Romane und dergleichen mehr.
Informationsaustausch und Lernen
Weil ich das antike Theater angesprochen habe: Die Stücke hatten auch einen tiefergehenden Aspekt, nämlich den, dem Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Das war also durchaus therapeutisch! Und das tun Theaterstücke, Kinofilme und Romane im Grunde auch heute noch. Jede Geschichte greift ein Thema auf, das uns beschäftigt –Ausländerintegration etwa (wie ich das kürzlich im sehr amüsanten Kinostück „Extrawurst“ verfolgt habe) oder Krankheiten und Beeinträchtigungen (in „The King’s Speach“ das Stottern, in „Ziemlich beste Freunde“ soziale Ungleichheiten und Querschnittslähmung).
Kann schon sein, dass viele bei solchen Filmen sich unterhalten lassen, heimgehen und das war’s. Aber wenn ein Film uns emotional berührt und beeindruckt, macht er etwas mit uns. Vielleicht lassen wir uns zum Denken anregen und lernen auch etwas dabei. Denn jeder Film und jedes Buch, das wir selbst wählen, hält uns einen Spiegel vor: Wie gehe ich mit dem Thema um? Habe ich mich ertappt gefühlt? Was löst das in mir aus?
„Geschichten schaffen Zugehörigkeit – durch gemeinsame Erlebnisse oder Sichtweisen.“

Biografische Geschichten verbinden
Ein Beispiel für diesen Aspekt hast du zu Beginn meines Beitrags schon gelesen: Wenn mein Vater und ich uns gegenseitig Geschichten aus unserem Leben erzählen, schaffen wir eine Verbindung zueinander. Geschichten schaffen Zugehörigkeit – durch gemeinsame Erlebnisse oder Sichtweisen.
Auch unsere Empathie wird gestärkt, weil wir beim Zuhören die Gefühle des Erzählers nachempfinden können. Sofern wir wirklich zuhören natürlich und nicht nur dem anderen unsere Sichtweise aufdrücken wollen!
Der psychologische Aspekt biografischer Geschichten
Doch wenn wir erzählen, wirkt das nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Jede Anekdote, jedes Erlebnis bezieht sich auf unsere biografische Vergangenheit, wirkt in der Gegenwart und schafft Sinn für die Zukunft.
Sinn stiften mit Selbsterzählungen
Biografische Erzählungen sind unsere internen Narrative. Sie bestimmen, wie wir uns selbst wahrnehmen. Jede Anekdote kann für sich alleine stehen: Da ein Urlaub in der Normandie, dort einer in Schweden und in Griechenland. Doch wir verknüpfen sie und erkennen einen Sinnzusammenhang. Beispielsweise, dass wir lieber in kühleren Regionen Urlaub machen als im heißen Süden. So nehmen wir uns wahr. Also werden wir künftige Urlaube auf diese Erkenntnis abstimmen.
„Selbsterzählungen bestimmen, wie wir unser Leben leben.“
Selbsterzählungen bestimmen auch, wie wir unser Leben leben. Glaubenssätze sind beispielsweise kleine, aber sehr mächtige Narrative. Wenn du überzeugt bist, etwas nicht zu können, dann scheint es dir sinnvoll, eine bestimmte Sache gar nicht erst anzugehen. Du blockierst dich dabei selbst. Und schreibst damit gleichsam deine für dich sinnvolle Geschichte fort.

Unsere Biografie gibt uns Orientierung
Sinn, sagt der Existenzanalytiker Alfried Längle (beispielsweise in diesem Artikel), gibt uns Orientierung. Wir wollen ja verstehen, was wir tun und wo wir hin sollen, und dabei hilft uns unsere Biografie.
„Wir wollen verstehen, was wir tun und wo wir hin sollen. Dabei hilft uns unsere Biografie.“
Das erzeugt eine gewisse Kontinuität. Ein Beispiel aus meinem Leben: Es ergibt Sinn, dass ich vor über 20 Jahren beschlossen habe, Bücher zu schreiben. Denn Bücher waren in meiner Kindheit mein Rettungsanker. Sie halfen mir, in eine heile Welt zu schlüpfen, wenn mein reales Umfeld gerade alles andere als heil war. Im Rückblick erkenne ich diesen Sinnzusammenhang, und er macht mich zufrieden. Es fühlt sich gut an, einen roten Faden haben, an dem ich festhalten kann. Es stärkt meinen Selbstwert.
Identität wird geformt
Ab dem Zeitpunkt deiner Geburt entstehen Geschichten. Andere erzählen sie über dich: „Er war ja so ein süßer, braver Bub.“ Später erkennst du am Verhalten deines engsten Umfeldes: „Ich bin ein Sonnenschein, ich werde geliebt!“ Dann vielleicht nach der ersten gescheiterten Teenie-Romanze: „Liebe tut so weh, ich verliebe mich nie wieder!“ Und so entwickelt sich ein Selbstverständnis über dich.

Deine Biografie in eine schöne Zukunft führen
An diesem kurzen Beispiel erkennst du: Biografie ist nie festgeschrieben, sie verändert sich. Es gibt Brüche im Leben, Zäsuren. Und so ist es auch logisch, dass das, was du vor 20 Jahren über dich erzählt hast, heute schon wieder anders sein kann. Das ist wohl Teil des lebenslangen Lernprozesses.
„Du kannst deine Biografie überdenken, sie in einem anderen Licht betrachten.“
Und das ist auch die gute Nachricht. Du kannst dich in deiner Persönlichkeit vielleicht nicht wesentlich verändern – als Introvertierte wirst du nicht plötzlich zur extrovertierten Rampensau. Aber du kannst dennoch deine Biografie überdenken, sie in einem anderen Licht betrachten. „Reframing“ nennen das die Psychologen.
Was es damit auf sich hat, erzähle ich dir ein anderes Mal. Wie sinnvoll das ist, darüber kannst du in der Zwischenzeit hier erlesen. https://www.sinnundstift.at/biografie-verstehen-lebensgeschichte-gestalten/






2 Antworten
Wie wunderbar! Ich liebe alles, was so klein und groß gleichzeitig ist … Die (kleinen), eigenen Geschichten in einem größeren (Sinn-)Zusammenhang … Danke!
Ganz herzlichen Gruß
Maria
Sehr schön, wie du das auf den Punkt bringst. Ja, das ist eigentlich der Kern meines Magazins: die kleinen oder wenig bedachten Dinge des Alltags in einen Sinnzusammenhang stellen. <3